Wählst du nen OB, tut’s dem Satzbau weh.

Morgen wird in Lingen ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Ich durfte vor einigen Tagen gemeinsam mit einer Kollegin ein Podium mit den beiden Kandidaten moderieren. Wir haben versucht die Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten, aber auch den völlig anderen Politikstilen, herauszustellen.
Ich habe großen Respekt vor den beiden Männern, die mit ihrem Engangement – nicht nur im Wahlkampf – zeigen, wie sehr sie für die Politik und diese Stadt brennen.
Einen Tag vor der Wahl kann ich sagen, dass die Stadt weder mit dem Amtsinhaber noch mit seinem Herausforderer untergehen wird. Dafür geht’s Lingen einfach zu gut, dass hier irgendjemand ernsthaft Schaden anrichten könnte.

Außer vielleicht in der Grammatik.

Diese Anzeige in der heutigen Tageszeitung, die eine Wahlempfehlung für einen der beiden Kandidaten enthält, hat mich tief erschüttert.

…WEIL GUT FÜR UNSERE STADT
UND DEN ORTSTEILEN
Klar, dass eine Zeitungsanzeige mit Blick auf das Wahlkampfbudget nicht größer werden sollte als unbedingt notwendig.
Auch beschränkt sich die Umgangssprache ja gerne mal auf die wesentlichen Satzteile.
Aber Subjekte und Prädikate sind wesentlich.
Vielleicht sogar wahlentscheidend.

[EDIT] Ich habe den Post erst nach Schließung der Wahllokale veröffentlicht.

Staubsaugerin

Seit letztem Herbst haben wir einen Staubsaugerroboter. Die Anschaffung haben wir seitdem nicht bereut, denn das Gerät nimmt uns viel Arbeit ab. Es saugt, wenn wir das Haus verlassen, einen Tag oben, einen Tag unten. Nur noch einmal in der Woche müssen wir mit einem klassischen Sauger in die Ecken gehen, ansonsten erledigt der Roboter seine Aufgabe einwandfrei. Wer Kinder und Katzen hat, dem kann ich solch eine Anschaffung wirklich ans Herz legen.

Es ist zugegebenermaßen ein ulkiges Gefühl mit seiner Familie in der Küche zu sitzen, während im Flur ein kleines Elektrogerät deinen Schmutz wegmacht. Hin und wieder ertappe ich mich sogar dabei, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Das mag daran liegen dass sich der Roboter über sein LCD-Display höflich bedankt, wenn man den geschluckten Staub entleert („Danke, dass Sie meinen Staubbehälter ausgeleert haben“) oder freundlich darum bittet, ihn zu befreien, wenn er unter irgendeinem Möbel feststeckt. Wir haben dem Roboter auf jeden Fall einen Namen gegeben. Zu dem flachen, schwarzen Gerät, das mit seiner aufragenden Sensorkuppel ein bisschen wie ein Raumschiff aussieht, hätte natürlich „Enterprise“ gut gepasst, wg. seiner loyalen Arbeitshaltung vielleicht auch „R2D2“ oder „KITT“, doch wir haben ihn „Beate“ genannt. Diesen Namen haben wir aus einem sehr einfachen Grund gewählt: Der Hersteller des Gerätes heißt „Neato“, was offenbar an das englische „neat“ (ordentlich, sauber) angelehnt ist und auf deutsch ausgesprochen wirklich ziemlich ähnlich klingt wie Beate.
So wurde also aus Neato Beate.

Doch nun der Vorwurf: das sei sexistisch.
Okay, die Welt ist momentan gerade sehr sensibel für dieses Thema, wurde doch gestern ein Mann ins US-Präsidentenamt eingeführt, der Frauen auch gerne mal in den Schritt fasst und damit auch noch prahlt. Der Vorwurf seinem Saugroboter einen weiblichen Namen zu geben sei sexistisch, trifft mich jedoch hart. Zumal er von zwei Frauen geäußert wurde, meinen Kolleginnen, beim Mittagessen. Eine meinte, ein männlicher Name sei angemessener, weil es sich ja um ihn, den Roboter, handele.
Nur: Wäre das nicht genauso sexistisch?
Ein weiblicher Name für einen Saugroboter würde Frauen aufs Saugen reduzieren, hörte ich weiter.
Hier schließlich musste ich protestieren.
Die Enterprise, die in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch (im Original „no MAN“) je zuvor gesehen hat, reduziert Frauen ja auch nicht aufs In-Galaxien-vordringen. Auch käme niemand auf die Idee, die ISS würde Frauen nur aufs Astronauten-Beherbergen reduzieren. Und die Titanic hat Frauen ganz sicher nicht nur aufs Eisberge-Rammen reduziert.

Es ist ganz sicher nicht sexistisch, einem Staubsauger einen Frauennamen zu geben. Umgekehrt freilich schon: Wenn ich eine Frau „Staubsauger“ nennen würde. Das tue ich natürlich nicht. Das würde vermutlich nicht mal Donald Trump tun. Bei keiner Frau, vor allem aber nicht bei meiner Frau. Immerhin hat die vorgeschlagen, unseren Staubsaugerroboter Beate zu nennen. Sauber!

Ein Gruß – das muss!

Eine der ersten Lektionen, die ich nach meinem Umzug vor vier Jahren gelernt habe, war das Grüßen. Während man in Berlin die Leute grüßt, die man kennt, gehört im Auenland ein freundliches Nicken und ein kurzes „Moin“ zum guten Ton – auch bei Leuten, die man nicht kennt.
Wobei man viele Leute halt immer wieder sieht, auch wenn man sie nicht kennt.

Beim Joggen gestern habe ich das beherzigt. Auch wenn ich tierisch am Keuchen war, habe ich jeden Radfahrer und jede Radfahrgruppe, die mir auf der Kanalpromenade entgegenkam, freundlich angenickt und gegrüßt. Zurück gegrüßt hat nicht einmal jeder dritte Radler. Warum nicht? War gestern joggingfreier Donnerstag? Gibt es einen speziellen Code zwischen Radfahrern und Läufern, den ich noch nicht kenne? Oder hat sich rumgesprochen, dass ich letzte Woche auf dem Weg zum Einkaufen vergessen habe einen Kindergartenpapi zu grüßen?

Viele Kilometer lang habe ich über Grund des Grüßboykotts nachgegrübelt. Bei einer jungen Radfahrergruppe, die gerade rund um eine Bank versammelt ein paar Bier trank, probierte ich einfach mal ein „Prost“. Und siehe da: Alle grüßten freundlich zurück!

Hätte ich an Christi Himmelfahrt bzw. am Vatertag auch früher drauf kommen können.