Wählst du nen OB, tut’s dem Satzbau weh.

Morgen wird in Lingen ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Ich durfte vor einigen Tagen gemeinsam mit einer Kollegin ein Podium mit den beiden Kandidaten moderieren. Wir haben versucht die Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten, aber auch den völlig anderen Politikstilen, herauszustellen.
Ich habe großen Respekt vor den beiden Männern, die mit ihrem Engangement – nicht nur im Wahlkampf – zeigen, wie sehr sie für die Politik und diese Stadt brennen.
Einen Tag vor der Wahl kann ich sagen, dass die Stadt weder mit dem Amtsinhaber noch mit seinem Herausforderer untergehen wird. Dafür geht’s Lingen einfach zu gut, dass hier irgendjemand ernsthaft Schaden anrichten könnte.

Außer vielleicht in der Grammatik.

Diese Anzeige in der heutigen Tageszeitung, die eine Wahlempfehlung für einen der beiden Kandidaten enthält, hat mich tief erschüttert.

…WEIL GUT FÜR UNSERE STADT
UND DEN ORTSTEILEN
Klar, dass eine Zeitungsanzeige mit Blick auf das Wahlkampfbudget nicht größer werden sollte als unbedingt notwendig.
Auch beschränkt sich die Umgangssprache ja gerne mal auf die wesentlichen Satzteile.
Aber Subjekte und Prädikate sind wesentlich.
Vielleicht sogar wahlentscheidend.

[EDIT] Ich habe den Post erst nach Schließung der Wahllokale veröffentlicht.

Antiterroristischer Schutzwall? Nein Danke!

Die Stadt Lingen hat beschlossen, den diesjährigen Weihnachtsmarkt mit Beton- und Wasserbarrieren vor einem Terrorangriff mit einem Fahrzeug zu schützen. So werde man seiner Verantwortung gerecht, sagte der Erste Stadtrat. Die Barrieren würden ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, sagte ein SPD-Kommunalpolitiker. Die Sicherheit der Bevölkerung habe oberste Priorität, sagte ein CDU-Kommunalpolitiker. Aus den kleinen Parteien im Verkehrsausschluss kamen kritische Töne, die den Verwaltungschef aber nicht umstimmen konnten. Schade – denn die Kritiker haben recht.
Auch ich lehne die Maßnahme absolut ab und den Weihnachtsmarkt in diesem Jahr deshalb nicht besuchen. Aus vier Gründen:

  1. Die Maßnahme bringt nichts. Zumindest gegen auffahrende LKW sind Betonpoller wirkungslos, wie DEKRA und Mitteldeutscher Rundfunk belegt haben. Hier geht’s zum Bericht.

    Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

  2. Die Maßnahme vermittelt ein Gefühl der Angst, nicht der Sicherheit. Der Terror rückt damit in die Köpfe. Jeder, der an den Barrieren vorbei geht, wird daran denken, warum sie dort stehen. Und wer es nicht weiß, wird fragen. Ich habe keine Lust, mit meinen Kindern eine Lektion Kleine Terrorkunde durchzunehmen, wenn wir an den Dingern vorbei gehen. Ich möchte nicht erklären, was am Breitscheidplatz geschehen ist, in Nizza oder New York. Weil es mir und den Kindern Angst macht. Ich weiß um die abstrakte Terrorgefahr, darum, dass theoretisch auch hier etwas geschehen könnte, auch wenn das unvorstellbar unwahrscheinlich ist. Doch ich halte es für grundfalsch, darauf mit Maßnahmen zu antworten, die je nach Art des Terrors vielleicht nicht einmal wirken, aber den Besuchern negative Gedanken oder gar Gespräche aufdrängen. Die gute Botschaft des Weihnachtsfestes, immerhin Ursprung des ganzen Marktgewusels, ist eine Botschaft gegen die Angst. Wenn aber die Angst regiert, haben die Terroristen gewonnen.
  3. Wer Terroristen ausschließt, schließt Menschen ein. Sich auf dem Weihnachstmarkt wie in einer Hochsicherheitszone zu fühlen, hat nichts mit der Freiheit zu tun, deren Ausdruck ein gemütlicher Bummel über selbigen eigentlich ist – und auf die es die Terroristen abgesehen haben.
    Also: Sperren wir uns nicht ein!
  4. Die Politik muss die Sicherheit der Bevölkerung schützen. Deshalb sollten Terroranschläge vereitelt werden, bevor sie geschehen. Die Attentäter von Berlin, Nizza und New York (und viele weitere) waren vor der Tat polizeilich bekannt. Hier muss die Politik ran, indem sie das Ermittlungspersonal aufstockt und für die Terrorprävention spezialisiert.Das übersteigt freilich die Einflussmöglichkeiten des Lingener Verwaltungschefs, aber der spart dann immerhin das Geld für die Barrieren. Ein Glühwein für den Verkehrsausschuss sollte dann sicherlich drin sitzen.

Update 10.11., 23:00 Uhr:
Ich habe noch ein weiteres Argument: Hinter den Pollern kann die Stadt nie mehr zurück. Die Gefahr durch Terrorismus wird sich in den kommenden Jahren sicher nicht legen. So wird die Stadt im nächsten und den folgenden Jahren nicht sagen können: Weg mit ihnen, wir brauchen die Barrieren nicht mehr (zumindest nicht, ohne den Kritikern Recht geben zu müssen). Im Gegenteil: Vermutlich wird es weitere Attentate irgendwo auf der Welt geben, trotz Barrieren, vielleicht mit anderen Mitteln, für die dann, wenn die Stadt ihrer Argumentation treu bleibt, auch wieder Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Uns droht ein perfides Wettrüsten.
Ich kann die Verantwortlichen verstehen. Sie haben Angst, im Fall des Falles nicht alles getan zu haben. Aber wohin treibt uns diese Sehnsucht nach Sicherheit? Ich möchte Feste, Märkte, Umzüge und Traditionen nicht in einem Ghetto sehen, hinter hohen Mauern, abgeschottet von der Außenwelt. Benjamin Franklin wird in diesem Kontext viel zu oft zitiert, aber man es einfach nicht besser ausdrücken:

Wer wesentliche Freiheit aufgeben kann um eine geringfügige bloß jeweilige Sicherheit zu bewirken, verdient weder Freiheit, noch Sicherheit.

Staubsaugerin

Seit letztem Herbst haben wir einen Staubsaugerroboter. Die Anschaffung haben wir seitdem nicht bereut, denn das Gerät nimmt uns viel Arbeit ab. Es saugt, wenn wir das Haus verlassen, einen Tag oben, einen Tag unten. Nur noch einmal in der Woche müssen wir mit einem klassischen Sauger in die Ecken gehen, ansonsten erledigt der Roboter seine Aufgabe einwandfrei. Wer Kinder und Katzen hat, dem kann ich solch eine Anschaffung wirklich ans Herz legen.

Es ist zugegebenermaßen ein ulkiges Gefühl mit seiner Familie in der Küche zu sitzen, während im Flur ein kleines Elektrogerät deinen Schmutz wegmacht. Hin und wieder ertappe ich mich sogar dabei, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Das mag daran liegen dass sich der Roboter über sein LCD-Display höflich bedankt, wenn man den geschluckten Staub entleert („Danke, dass Sie meinen Staubbehälter ausgeleert haben“) oder freundlich darum bittet, ihn zu befreien, wenn er unter irgendeinem Möbel feststeckt. Wir haben dem Roboter auf jeden Fall einen Namen gegeben. Zu dem flachen, schwarzen Gerät, das mit seiner aufragenden Sensorkuppel ein bisschen wie ein Raumschiff aussieht, hätte natürlich „Enterprise“ gut gepasst, wg. seiner loyalen Arbeitshaltung vielleicht auch „R2D2“ oder „KITT“, doch wir haben ihn „Beate“ genannt. Diesen Namen haben wir aus einem sehr einfachen Grund gewählt: Der Hersteller des Gerätes heißt „Neato“, was offenbar an das englische „neat“ (ordentlich, sauber) angelehnt ist und auf deutsch ausgesprochen wirklich ziemlich ähnlich klingt wie Beate.
So wurde also aus Neato Beate.

Doch nun der Vorwurf: das sei sexistisch.
Okay, die Welt ist momentan gerade sehr sensibel für dieses Thema, wurde doch gestern ein Mann ins US-Präsidentenamt eingeführt, der Frauen auch gerne mal in den Schritt fasst und damit auch noch prahlt. Der Vorwurf seinem Saugroboter einen weiblichen Namen zu geben sei sexistisch, trifft mich jedoch hart. Zumal er von zwei Frauen geäußert wurde, meinen Kolleginnen, beim Mittagessen. Eine meinte, ein männlicher Name sei angemessener, weil es sich ja um ihn, den Roboter, handele.
Nur: Wäre das nicht genauso sexistisch?
Ein weiblicher Name für einen Saugroboter würde Frauen aufs Saugen reduzieren, hörte ich weiter.
Hier schließlich musste ich protestieren.
Die Enterprise, die in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch (im Original „no MAN“) je zuvor gesehen hat, reduziert Frauen ja auch nicht aufs In-Galaxien-vordringen. Auch käme niemand auf die Idee, die ISS würde Frauen nur aufs Astronauten-Beherbergen reduzieren. Und die Titanic hat Frauen ganz sicher nicht nur aufs Eisberge-Rammen reduziert.

Es ist ganz sicher nicht sexistisch, einem Staubsauger einen Frauennamen zu geben. Umgekehrt freilich schon: Wenn ich eine Frau „Staubsauger“ nennen würde. Das tue ich natürlich nicht. Das würde vermutlich nicht mal Donald Trump tun. Bei keiner Frau, vor allem aber nicht bei meiner Frau. Immerhin hat die vorgeschlagen, unseren Staubsaugerroboter Beate zu nennen. Sauber!