Kommunion wo wir jetzt woh’n.

Dennoch war mir diese Tradition, vor allem ihn ihrer Protokollhaftigkeit (hier treffen sich die Frauen zum Röschenbinden, da muss die Mutter des Kommunionkindes Kuchen hinbringen, in dieser Garage finden die letzten Vorbereitungen statt) neu.

Diese Zeilen schrieb ein Neuemsländer drei Monate nach Eröffnung seines Blogs über die Kommunion des Nachbarsjungen. Nun ist sein eigener Sohn zu Erstkommunion gekommen.

Dank meiner Erfahrungen als Kommunion-Zuschauer vor vier Jahren, dem allgemein besseren Einblick in die hiesigen Gepflogenenheiten und vor allem der Tatsache, dass in der Nachbarschaft drei weitere Kommunionkinder leben, deren Eltern die mit dem Fest verbundenen Traditionen kennen, ist ein wunderschönes Fest geworden. Dazu hat fraglos auch der von den Nachbarsfrauen gefertigte Schmuck vor unserem Haus beigetragen. Unser Sohn war ganz aus dem Häuschen!

Eine Wissenslücke ist aber leider doch zum Fettnäpfchen geworden: Uns war nicht bekannt, dass Glückwunschkarten bringende Kinder an der Tür Schokolade bekommen, selbst wenn sie von uns ebenfalls eine Karte bekommen. So lassen sich auch die fragenden Gesichter beim Türeschließen erklären, ebenso wie unsere Verlegenheit, nachdem wirs gecheckt hatten.
Aber versprochen: Beim nächsten Mal – unsere Mittlere ist in drei Jahren dran – sind wir besser vorbereitet. Ist ja dann für uns schon Drittkommunion.

Auf den Müll, Kippe! (Tatort Vorgarten, Teil 2)

Wer diesen Blog verfolgt, weiß um mein schwieriges Verhältnis zu Vorgärten. Das hängt sicherlich mit meinem Trauma zusammen, das ich im Sommer 2014 erlitten habe, als sich fremde Mächte unseres Vorgartens bemächtigt haben.
Das liegt aber auch an der Bedeutung, den Vorgärten im nachbarschaftlichen Kontext haben, vielleicht besonders in meiner neuen Heimat. Sie stehen für das Spannungsverhältnis zwischen Selbstdefinition („Alles geharkt und in Form geschnitten – so sehr habe ich mein Leben im Griff“!) und Demonstration der sozialen Rolle („My home is my castle, my vorgarten is my Königreich“). Darüberhinaus sind sie ein Puffer zwischen Eigentum und Allgemeinheit und Ausdruck nachbarschaftlicher Kommunikation – Immerhin sagt mein Vorgarten etwas über mich aus, ebenso darüber, was ich für einen „richtigen“ Vorgarten halte.
Wenn Vorgärten nicht so viele Bedeutungen hätten, würde es sie vermutlich gar nicht geben, sondern vor dem Haus wären Parkplätze. Denn als „richtiger“ Garten, in dem man Entspannen, Spielen und Grillen kann, taugen Vorgärten nicht.

Trauma hin, Spannungsverhältnis her: Hin und wieder gehe auch in vor dem Haus Unkraut jäten. Dann z. B., wenn sich allzuviele Löwenzähne durch die Wegplatten bohren oder die Buchsbäume im Beet vor Wildkräutern nicht mehr zu sehen sind.

Gestern kam ich mir jedoch vor, als würde ich in einem Aschenbecher herumwühlen. Im Kiesbeet vor unserem Küchenfenster fand ich 21 Zigarettenstummel! Einige waren schon alt und konnten nur noch in Gestalt eines aufgeweichten Filters geborgen werden, andere waren relativ frisch, trugen sogar noch das Markenlogo („West“) und wären astreines Material für eine DNA-Bestimmung.
Keine dumme Idee.
Denn dvorgarten-zigaretten_01_160416_11-30a weder ich noch meine Frau rauchen, muss irgendjemand Außenstehendes die Kippen bei uns entsorgt haben. Vielleicht mit Absicht – weil das eigene Beet heilig ist? Oder weil unser Vorgarten in den Augen der Tabakfreunde sowieso nicht den geltenden Standards entspricht?
Vielleicht sind die Stummel nur vom Wind in unser Beet geweht und dort einfach hängen geblieben. Diese Möglichkeit ist allerdings eher unwahrscheinlich. Auf der Straße liegen selten Kippen rum, und in den Nachbarbeeten auch nicht.

Aber was soll’s: Die Spekulationen bringen nichts, von Videoüberwachung halte ich nichts und eine DNA-Bestimmung lohnt sich nicht. Bleibt also nur, die Dinger zu entsorgen. Natürlich getrennt von dem Grünabfall, denn die Stummel sind für die Umwelt pures Gift. Eines leichten Ekelgefühls beim Auflesen der Rauchwarenreste konnte ich mich nicht erwehren.

Meinen Protest gegen die unfeine Müllentsorgung werde ich, aus Mangeln an geständigen Tätern, zunächst nur auf diesem Blog äußern. Also:

Liebe Raucher, die ihr eure Kippen in unseren Vorgarten werft!
Kann sein, dass er nicht euren Vorstellungen entspricht, aber wir wohnen hier und lassen uns ungern zwingen den Beeten mehr Zeit zu widmen als unseren Kindern, unseren Interessen und dem, was uns zur Entspannung gut tut. Und auch, wenn unsere Buchsbäume nicht in Form geschnitten sind: Wie ein Aschenbecher sehen sie nicht aus. Deshalb sucht euch bitte einen solchen, wenn ihr das nächste Mal nicht wisst, wohin mit eurer Kippe.

Zum Abschluss, nur für euch, ein Werk zeitgenössischer Waste-Art:

Auswandererblo(g)ck

Grafik: Stadt Lingen

Grafik: Stadt Lingen

Im Garten der Akademie, in der ich arbeite, wird bald ein Flüchtlingsheim entstehen. 30 Menschen in den kommenden fünf Jahren dort wohnen. Ob es gelingt, dass sie sich im Dorf wohl fühlen, dass sie nach traumatischen Kriegs- und Armutserlebnissen und einer abenteuerlichen Flucht bei uns zur Ruhe kommen können, liegt an uns allen. Lokalpolitik, Dorfgemeinschaft und Anwohner haben ihre Unterstützung zugesagt, ebenso wir Mitarbeiter, die mit den Flüchtlingen täglich zu tun haben werden.
Ein mulmiges Gefühl gestatte auch ich mir. Immerhin wissen die für die Bewohner verantwortlichen Sozialarbeiter erst eine Woche vorher, welche Menschen aus welchen Ländern zu uns kommen, ob es Familien, Paare oder einzelne Männer sind, aus welchen Verhältnissen sie kommen und welcher Religion sie angehören. Aber es ist gut und richtig, dass unser Haus die Anfrage der Stadt nach Sichtung einer geeigneten Fläche positiv beantwortet haben. Es ist eine Chance für uns Mitarbeiter und die Ortsbewohner, interkulturelle Kompetenz zu erwerben, Humanität und Nächstenliebe gegenüber denen zu zeigen, die Fürchterliches erlebt haben.

Anders als erwartet bekomme ich nun meine kaputte Welt in der heilen Welt.