Heimat – los?

Das Emsland, meine Heimat, die in den Wirren des Erdenkampfes ein Silberstreif der Hoffnung ist.

Das Emsland, meine Heimat. Wo die Glocken klingen, die Jüngeren sich um die alten Eltern kümmern.

Diese Worte gelten dem Emsland. Tatsächlich wurde die Gegend, in der ich seit fast vier Jahren wohne, einst so beschrieben – in einem Heimatkundebuch aus den 1920ern, daraus stammt die erste Beschreibung, und in dem Gedicht „Die Emslandfahrt“ aus den 1950ern. Das sollten die Schüler und Schülerinnen also über ihre Heimat lernen.

Wie ist das heute? Nicht so emotional. Vor einigen Wochen habe ich mit 75 Schülerinnen und Schülern aus dem 9. Jahrgang über das Thema Heimat gesprochen. Für mich war das eine Premiere, erstens mit solch jungen Seminarteilnehmern zu arbeiten, zweitens zu solch einem Thema. Und drittens festzustellen, dass die jungen Emsländer mit dem Begriff „Heimat“ nur schwer warm werden. Wenn sie gebeten werden (was ich getan habe) ihr Heimatbild zu beschreiben, besteht es aus

  1. Freunden und Familie
  2. Essen
  3. Bier
  4. Natur
  5. Mercedesstern und Angela Merkel

Ganz im Ernst: Die meisten der Arbeitsgruppen haben die zur Verfügung stehenden, ca. 100 Statements bzw. Symbole zur Heimat, in dieser Reihenfolge geordnet.

Es bleibt nicht aus und gehört natürlich auch zu einer guten Kursvorbereitung, sich selbst mit dem Seminarinhalt zu konfrontieren. Ich habe das gemacht und mich gefragt, was denn meine Heimat sei.
Das Emsland nicht.
Und das liegt nicht am Emsland.
Sondern daran, weil ich den Begriff trotz aller Beschäftigung mit dem Thema für mich einfach nicht füllen kann. Das, was für viele Menschen Heimat ausmacht, ist in seinen Teilbereichen für mich auch wichtig, selbst Bier, Glockengebimmel und die Fürsorge für die Elterngeneration, finde ich gut – aber zusammen genommen ergibt das nicht meine Heimat.
Wäre ich mein Schüler gewesen, hätte ich ein echtes Problem mit der Aufgabe gehabt.
Vielleicht klappt es mit dem Ausschlussverfahren.

Meine Heimat ist kein Ort.
Nein, ich würde weder meine Geburtsstadt, noch die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, noch Berlin, noch das Emsland als Heimat bezeichnen.
„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, singt Herbert Grönemeyer.
Aber wenn ich das Gefühl nicht kenne, lerne ich es auch nicht kennen, wenn man erklärt, wie es sich anfühlt. Würde ich nicht die Liebe kennen, würde man mir recht wenig helfen, wenn man mir erklären würde. Da ist man glücklich. Denn das können Narzissten ja auch sein.
„Heimat ist da, wo ich beerdigt sein will“, sagt mein Vater.
Mein Vater ist klug und lebenserfahren; doch wo mein Grab sein wird, ist mir piepegal. Jetzt. Und dann erst recht.
„Weh dem, der keine Heimat hat“, schreibt Friedrich Nietzsche.
… und ich fühle die sanften Schwingen seines Mitleids, wie sie aus dem Philosophenhimmel über meine Schultern streicheln.
„Ist Heimat eine Erfindung der Möbelindustrie?“ fragt die Jazzkantine.
Ja, irgendwie ist mir dieser Gedanke sympathisch. Womit ich niemandem, der den Begriff für sich füllen kann, zu nahe treten möchte oder gar Unaufrichtigkeit vorwerfe. Aber
„Heimat“ ist für mich zumindest eins: Eine Frage.
Vielleicht eine, die sich für mir gar nicht stellt.
Vielleicht aber auch eine, die irgendwann beantwortet werden wird.
Wer weiß: Vielleich ziehe ich irgendwann schwirren Flugs zur Stadt.
Oder aufs Land.

3 Jahre – 3 Tage – 3 Gedanken

Ich war drei Tage in Berlin – und hadere mit mir, hier darüber zu schreiben. Den Leserinnen und Lesern, die das Gefühl haben, ich würde ohnehin nicht in meine neue Heimat gehören, werden sich bestätigt fühlen; und wer bislang dachte, ich würde hier gut hinpassen, wird sich fragen, warum ich noch hier bin. Deshalb, aber auch weil wir in diesen Tagen genau drei Jahre im Auenland sind, und auch, um die Zweifel, die mich selbst hin und wieder ergreifen, in den Griff zu kriegen – stelle ich fest: Ich mag das Auenland und meinen Job. Es ist gut, dass meine Kinder in ihren ersten Lebensjahren hier heranwachsen. Es ist schön ruhig hier. Und es ist schön grün hier.
Das alles habe ich schon mehrmals bezeugt und gelobt, und auch die folgenden Gedanken sind grundsätzlich nicht neu.

Doch die vergangenen Tage in Berlin sind ein gutes Beispiel dafür, was ich an meiner alten Heimat schätze – und was ich hier vermisse – oder einfach noch nicht entdeckt habe.

1. Radio

Ich habe Menschen wieder getroffen, mit denen ich eine mehr oder weniger lange Zeit zusammen gearbeitet habe. Dahinter verbergen sich Freundschaften, Anekdoten, berufliche Erfolge und Misserfolge, Kompetenzrangeleien und Eitelkeiten, dahinter verbirgt sich aber auch das Interesse an der persönlichen und privaten Weiterentwicklung. Was machst du jetzt? Wie läuft es bei dir? Was macht denn eigentlich der und der?
Und mit all diesen Menschen verbindet mich die Passion fürs Medium Radio, für meinen erlernten Beruf und für das, was Radio für Abermillionen Menschen ist: Information, Unterhaltung und ganz viel Emotion.
Meine Tage in Berlin waren voll von Emotion.

2. Vielfältigkeit

Berlin ist nicht Berlin. Ich habe mir am Freitag die Tageskarte für U- und S-Bahn gespart und bin bei 20 Grad durch die Sonne geradelt. 35 Kilometer hatte ich hinter mir, als ich um halb zwölf wieder im Hotel war. Beim Durchqueren der Bezirke (meine Route war Reinickendorf – Wedding – Moabit – Mitte – Tiergarten – Mitte – Friedrichshain und über Mitte zurück), die ich für sich genommen mehr oder weniger gut kenne, wurde mir klar, wie unterschiedlich die Stadtteile sind. Ich nahm wahr, wo es Übergänge und Grenzzonen zwischen den Bezirken gibt und wo sie gar nur schwer oder gar nicht wahr genommen werden können – Eindrücke, die ich als Nutzer der „Öffis“ in den vergangenen Jahren so gut wie nie hatte. Als U-Bahn-Fahrer ist man ja eher eine Art Maulwurf, die hier und da den Kopf aus der Erde steckt, aber kein Gefühl dafür bekommt, wie der riesige Flickenteppich Berlin miteinander „verknüpft“ ist.
Auf jeden Fall ist Berlin ein sehr, sehr bunter Flickenteppich.

3. Offenheit

Klar wurde mir zudem – und stärker als je zuvor – wie sehr ich die Vielfalt der Menschen liebe. Von den unterschiedlichen Lebensentwürfen, die ich zur Selbstreflektion brauche, hatte ich bereits geschrieben (etwas konkreter auch hier). Und im Tagesverlauf an geschätzten 5000 Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Glaubensrichtung, Lebensplanung und sexueller Orientierung vorbei zu radeln – das hat mir einfach gut getan.
Aber für mich steckt mehr dahinter:
Wo Lebensweisen aufeinandertreffen, deren Vielfalt akzeptiert und geschätzt wird, entstehen Offenheit und Toleranz. (Und tolle Dönerbuden, marrokanische Takeaways und thailändische Lieferdienste.) Das verbindet die diversen Lebensentwürfe, die es in der Hauptstadt so wie in vielen weiteren Großstädten gibt, dann wieder miteinander: Die (mehr oder weniger reflektierte) Erkenntnis, dass die Stadt mir als Gruftie, mir als Penner oder mir als Tunte „gehört“, aber in der jeder seinen Platz hat. Und wo die unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen nicht nur ihrem Ghetto leben bzw. leben müssen! Orte wie z. B. den Bahnhof Zoo oder den Hermannplatz in Neukölln, an dem vermutlich jeder in Berlin Lebende schon einmal war oder mittelfristig hinkommen wird, definiert ein Penner halt anders als ein Gruftie oder eine Tunte.

Natürlich sind nicht alle Menschen in Großtstäden tolerant anderen gegenüber, genauso wenig wie in Gebieten der Welt, in der die Bevölkerung homogener ist. Doch ich bin mir sicher: Die simple Konfrontation mit dem „Anderen“ führt immer einer Art Auseinandersetzung damit – nicht immer ausgesprochen und ausdiskutiert, nicht einmal immer bewusst gemacht und bedacht, aber zumindest im Unterbewusstsein findet diese Auseinandersetzung statt (siehe auch hier, „Toleranz erweist sich am Nächsten“). Denn wo ich von „Anderen“ spreche, muss ich erst einmal wissen, wer ich bin, wo die Grenze des „Wie-ich-seins“ ist und wo das „Andere“ beginnt.

Ich glaube, die Auseinandersetzung mit Menschen anderer Lebensweisen ist, wenn ich sie zulasse, die Basis für individuelle und gesellschaftliche Freiheit, ist dann Toleranz; wenn ich sie nicht zulasse, definiere ich zumindest meine eigene Freiheit.
Das „Andere“ muss aber zumindest erstmal da sein.

Wenn ich das auf meine neue Heimat beziehe, geht das leider nicht ohne noch ein bisschen philosophischer zu werden: Wenn ich die Vielfalt der menschlichen Existenz, das „Andere“, hier nicht sehe, und um mich an ihm „abzuarbeiten“ erst suchen muss: ist es dann noch das „Andere“? Vereinnahme ich es durch meine Suche nach ihm nicht schon?
Grufties und Penner, Schwule und Lesben, Schwarze und Weiße, Tunten und Transen, Arme und Reiche und vor allem… Flüchtlinge: Kommt ins Auenland und bereichert uns!

Noch ein Satz: Dass ich mir in Friedrichshain habe ein Augenbrauenpiercing stechen lassen, soll keine Provokation kein. Ich möchte dadurch niemanden von meiner Definition von Offenheit überzeugen, ich will damit nicht auf Berlin anspielen, damit nicht missionieren und darüber eigentlich auch nicht diskutieren. Ich finde einfach, es passt optisch zu mir. Und wenn der Metallstab in der Augenbraue ein Symbol für irgendetwas ist, dann höchstens für die Naht, die meine alte und meine neue Heimat zusammenhält.

Syrien vor meiner Tür?

Mustafa Öztürk / CC BY-NC-ND 2.0

Mustafa Öztürk / CC BY-NC-ND 2.0

Mein Ortsteil hat ein Flüchtlingsproblem.
Und zwar, bevor ein Flüchtling angekommen ist.

Was war passiert: Der Ortsrat hatte beschlossen, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Der Ortsbürgermeister schlug ein Grundstück vor. Der SPD-Ortschef fand das gut und vermittelte im Parteiblättchen, das kurz darauf an alle Haushalte verteilt wurde, dass der Ortsrat eine Flüchtlingsunterkunft an diesem Ort beschlossen hätte. Das nicht korrekt formuliert, und mittlerweile gilt das Grundstück auch nicht mehr als wahrscheinlicher Standort für eine Unterkunft, aber das Geschrei war erst einmal groß: Das vieler Bürger, weil sie sich vor vollendete Tatsachen gestellt fühlten, anstatt einbezogen zu werden – und das der SPD, weil die Lokalzeitung nach Bekanntwerden der Verlautbarung nur bei der CDU erkundigt hätte, was dar los war. Und auch in der Redaktion wird man gegrummelt haben: Die hatte den SPD-Chef nämlich durchaus zu erreichen versucht.

Soweit, so gut. Anders als eine Diskussion auf Facebook: Als Reaktion auf die SPD-Pressemitteilung wurde Solidarität geäußert, und zwar mit den Flüchtlingen genauso wie mit den nicht einbezogenen Anwohnern. Doch auch über die Kriminalitätsrate, die steigen wird, wurde gesprochen, über die mangelnden Deutschkenntnisse der Flüchtlinge und darüber, dass keiner weiß, wie lange sie bei uns bleiben werden. Auch Kosovaren seien noch immer in Deutschland – Zitat: „Die ursprüngliche ‚Absprache‘ mit der dt- Bevölkerung war eigentlich anders!“. Und eine Zugezogene beschwerte sich, wie schwer ihr die Integration in unserer Stadt gemacht worden sei. Sie kam aus der Nachbarstadt.
In einem Nutzerkommentar zu einem Zeitungskommentar wurde emfpohlen, die Flüchtlingscontainer in die „Wohnanlagen der Politiker“ zu stellen. Sie würden bestimmen, aber selbst keinen Beitrag leisten – was, wenn ich das recht sehe, sowohl der Ortsratbeschluss als auch die Facebookdiskussion widerlegen.

Ich kenne das Grundstück, um das es geht. Ich wohne in dem Baugebiet, an das es grenzt. Wenn die Bürger einbezogen worden wären, was ich natürlich für den richtigen Weg gehalten hätte, wäre ich für den Standort gewesen. Er ist perfekt – nah an Supermärkten und einer Bushaltestelle.
Ich hoffe, dass sich an den Flüchtlingen – wo immer sie landen werden – zeigen wird, dass meine Mitbürger es mit der Solidemo im Januar wirklich ernst meinen und sich vorbehaltlos (ohne Sprachpflicht ohne Aufenthaltsbegrenzung) für geschundende Existenzen einsetzen. Ich bin gern dabei.