Fahnenwahn reloaded.

Vor zwei Jahren hatte ich hier mein Unverständnis für den bundesdeutschen Flaggenwahn zum Ausdruck gebracht. Es war EM und meine neue Heimat schillerte in schwarz-rot-gold:

Die Flagge könnte für die oben beschriebene Abgrenzung stehen, für den Stolz, den die Fahnenbesitzer ihrem Heimatland gegenüber empfinden. Das ist ein Stolz, der auch exklusivistisch gemeint oder zumindest verstanden werden kann, nach dem Motto: Menschen aus anderen Ländern haben ja eigene Fahnen.
In unserer Gegend sieht man aber nur deutsche Fahnen. Wir sind hier nicht in Kreuzberg, Hamburg-Altona oder Köln-Kalk.

[…]

Flaggenverfechter werden antworten: „Wir wollen zeigen, dass wir Fans der deutschen Nationalmannschaft sind!“ Doch: Wem zum Teufel denn zeigen? Hier sind doch nahezu alle Fans der deutschen Spieler!

Zwei Jahre später bietet sich dasselbe Bild. Heute steigt Deutschland in die WM in Russland ein. Am ehemaligen deutschen Nationalfeiertag. Millionen Deutsche – auch ich – drücken der Nationalmanschaft die Daumen.
Wie 2016 möchte ich auch heute keinen Flaggenfreund vereinnahmen. Die Fahnen, die hier wieder tausendfach an Autos flattern, von Fenstern hängen oder in Siedlungen gehisst werden, enthalten in den meisten Fällen keine politische Aussage.
Doch bleiben sie missverständlich.

Nicht nur, dass Italien In diesen Tagen Flüchtlingsboote abweist.
In diesen Tagen wollen deutsche Politiker einer christlichen Partei die Grenzen schließen. Wie muss der zur Schau gestellte Stolz auf das eigene Land auf die Verzweifelten, Traumatisierten, Heimatlosen wirken? Und wer erklärt den Flüchtlingen bitte, dass habe doch alles nur mit Fußball zu tun?

Woran ich vor zwei Jahren nicht gedacht hatte: Auf unserer Mülltonne klebte damals ein Aufkleber in den Nationalfarben. Unser Vormieter hatte ihn offenbar zur WM 2010 darauf geklebt und ich hatte ihn beim wöchentlichen Tonnenrangieren nie so recht beachtet. Realisierend, dass meine Haltung gegenüber Nationalsymbolen etwas inkonsequent wirken könnte, habe ich die Nationalklebchen nun abgeschoben: von der Tonne in die Tonne. Damit sie nicht mit der Nachbarstonne verwechselt werden, habe ich stattdessen eine Müllmann-orangene Markierung draufgeklebt.
Wer will, darf sie gerne als Liebe zu Holland missverstehen.
Die spielen bei der WM ja nicht mit.

 

[Update 23.6.]Dazu passend: Ein Tweet von einem, der Flagge gezeigt hat.
Danke, Michaela!

#RefugeesAboard

New Media Vector Art | © 2015 Bernd Wachtmeister

New Media Vector Art | © 2015 Bernd Wachtmeister

Meine erste Begegnung mit Flüchtlingen – surreal irgendwie.
Im ICE von Würzburg nach Hannover, ich war auf der Rückreise von einer dienstlichen Veranstaltung, saßen müde Jugendliche in den Gängen und umklammerten abgegriffene Plastiktüten, lagen schlafende Kinder quer zu den Füßen ihrer Eltern, zu den riechenden Füßen, wie es nach einer langen Reise völlig normal ist, saßen abgeschlaffte Männer im Bistro und versuchten durch ein Snickers oder ein Bier ein bisschen Kraft zu tanken. Das war meine erste Begegnung mit den Menschen der aktuellen Flüchtlingswelle. Ich hätte sie gerne gefragt, woher sie kommen und wo es hingeht, ob sie auf der Durchreise sind, von den Behörden von einem Bundesland ins nächste geschickt wurden oder auf eigene Kosten zu Verwandten fahren. Ob sie an der Grenze kontrolliert worden sind oder nicht, ob ich etwas für sie tun könne.
Aber ich habe sie ignoriert, so wie ich alle fremden Mitreisenden im Zug weitestgehend ignoriere.
Nur als ich mit meinen Kollegen, die mit mir unterwegs waren, ebendiese Fragen thematisiert habe, bemerkte ich, dass einer der Männer unserem Gespräch folgte. Er verstand offenbar deutsch, und wir hatten schlicht nicht auf dem Schirm, dass wir gerade über ihn sprachen. Vielleicht hätte er unsere Fragen gern beantwortet. Vielleicht hätte er selbst gern viele Fragen an uns gestellt: Wie komme ich von Hannover nach Braunschweig? Wie komm ich ins ICE-Wlan-Netz? Kostet ein so schlecht schmeckendes Bier in Deutschland immer 4 Euro?

Wir waren, so deute ich das im Nachhinein, in unserer Von-außen-Perspektive gefangen, man könnte auch sagen, unserer „Akademikerblase“. Wir stehen da und reden über Politik und die Menschen, die sie betrifft, reden über EU und die Türkei, suchen nach Antworten und ziehen Schlüsse – ohne zu merken, dass die davon betroffenen Menschen unter uns sind. Das waren sie heute bei uns im Zug und das werden sie ab jetzt in unseren Gemeinden, Städten und Ländern immer sein. Deutschland wird sich durch die Flüchtlinge verändern, sicherlich zum Positiven, wenn auch die negativen Seiten der Migration – mitgebrachte Konflikte, Integrationsverweigerung, unzulängliche interkulturelle Kompetenz auf unserer Seite – offenbar werden und zu Diskussionen führen werden.
Ich glaube, die Menschen im Zug waren froh sitzen oder liegen zu können und ruhen zu können. Eine Strecke mit 250 Stundenkilometern zurück zulegen dürfte die Zugfahrt zudem zur schnellsten Etappe ihrer Flucht gemacht haben.

Und eine Antwort fand sich dann schließlich doch: In Hannover wurde eine Gruppe von Männern und Kindern von einer verschleierten Frau abgeholt, sie umarmten sich, ein Mann weinte bitterlich. Das hat mich tief berührt. #RefugeesWelcome

Lingen grüßt aus Heidenau

Alle Bildrechte bei dpa/picture-alliance/Arno Burgi

Ein zweifelhafter Gruß aus Lingen begegnet allen, die dieser Tage nach Heidenau in Sachsen fahren – aber auch allen, die eines der Ortsschilder in den Nachrichten oder im Internet sehen. Darauf klebt nämlich ein Aufkleber der Facebookgruppe „Du weißt, du kommst aus Lingen, wenn…, wie der Lingener Blogger Robert Koop bemerkt hat.

aufkleberWas unschöne Assoziationen wecken könnte, hat einen simplen Hintergrund, wie die „Kleberin“ in der Facebook Gruppe aufgeklärt hat: Als 2013 das Elbhochwasser Heidenau heimsuchte, hat die Lingenerin mit einem 40-Tonner Hilfsgüter in die Stadt geschafft – und dabei diesen Gruß hinterlassen.

Ich hoffe, dass Heidenau als Stadt großer menschlicher Hilfsbereitschaft in die Geschichte eingehen wird.