Energiewende beerdigen? Nein danke.

Das gleich vorweg: Auch ich würde mich ärgern, wenn ich aus dem Fenster schauen würde und auf Hochspannungsleitungen blicken würde. Aber ich würde damit leben können. Anders als die Stadtoberen, zu der unser Dorf gehört, das vermuten.

Ich kann den Protest, den der Bürgermeister und die umliegenden Gemeinden gerade anzetteln, nicht verstehen. Es geht um die Trassenführung einer neuen Höchstspannungsleitung von Norden nach Süden, die mitten durchs Emsland verläuft. Entweder oben drüber oder unten drunter. Und darum wird gestritten: Denn jede Gemeinde entlang der geplanten Trasse wünscht gerade für sich eine Erdverkabelung. Und die ist sauteuer. Sie kostet bis zu siebenmal mehr Geld als eine Freilandleitung und ist zudem enorm aufwändig, weil auf einem Streifen von 45 Metern Breite (!) Die Erde aufgebuddelt werden muss. Nebenbei hat sie auch langfristig Nachteile: Über der Leitung erwärmt sich die Erde. Doof für Äcker, Wälder und Rodelbahnen. Gut für Maisfelder, wo es dann halt gleich Popcorn gibt.

Zugegeben: Dezent ist die geplante Freilandleitung auch nicht gerade. Mit bis zu 65 Metern Höhe und 30 Metern Breite sind die Gestänge wirklich hässlich, und Platz brauchen sie natürlich auch.
Aber: Sie sind ein Zeichen für die Energiewende, die wir alle wollen. Und die wir alle preiswert wollen. Das funktioniert ohnehin nicht, zum einen weil die übermotivierte Ökostromumlage nächstes Jahr enorm steigt, womit die Zahlenden vor allem davon ausgenommene Großindustrieanlagen subventionieren (derzeit mit 2,5 Mrd. Euro pro Jahr), aber eben auch: weil es an Trassen fehlt. Weil hier wie in anderen Teilen des Landes alle Beteiligten mauern, anstatt zu handeln.

Ich vermute, hinter dem Wunsch nach Erdleitungen steckt dasselbe Motiv, das in den 1960ern und 1970ern die Kernkraft populär gemacht hat. Es ist alles so schön sauber! Bei AKWs sieht man keine Schlote und keinen Ruß, bei Erdleitungen wird die schöne grüne Energie durch die schöne grüne Erde direkt bis zur Steckdose geliefert. Dass unser Gewissen nicht zum Nulltarif rein wird, müssen viele Menschen offenbar erst lernen. Wobei, was heißt „reines Gewissen“? Mit der Energiewende versuchen wir nicht weniger als dem Tod von der Schippe zu springen, der uns entweder in Gestalt von Fukushima oder der ungebremsten Klimaerhitzung gegenübersteht. Da darf man doch ein bisschen Anstrengung erwarten, oder?

Ich erwarte sie von meinen Mitmenschen, die sich in diversen Initiativen engagieren („Freilandleitung? Was wird aus unseren Kindern?“), aber auch von den Landes- und Bundespolitikern. Denn dass es zu Verzögerungen bei der Umsetzung der Energiewende geht, liegt nicht nur an ihren Kollegen auf kommunaler Ebene. Das Land Niedersachsen gibt grünes Licht für eine Trasse, wohl wissend, dass im selben Korridor noch weitere nötig wären, und auch die anderen  Länder planen scheinbar aktionistisch, auf jeden Fall aber unabgestimmt, wo welcher neuer Wind- oder Solarpark hinsoll, ohne die Transportkapazitäten im Auge zu haben.
Dazu kommt das unsägliche Klienteldenken: Die Parteien verlegen sich auf ihre ideologischen Pfründe anstatt den Umschwung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen, hinter der die Konflikte zwischen links und rechts, Opposition und Regierung sowie Umweltministerium und Wirtschaftsministerium zurück treten müssten.
Müssten – tun sie aber nicht. Das gibt dem fröhlichen Energie-Konsens vom Juni 2011 einen faden Beigeschmack.

Meine größte Sorge ist aber eine andere. Wenn wir weiter so langsam mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien voran kommen und der Strompreis (auch) deshalb weiter steigt, werden die Stimmen derer immer lauter werden, die am liebsten bei fossilen oder gefährlichen Energieformen blieben. Sie werden die Verlierer der Energiewende, die sozial Schwachen, die den Strompreis nicht mittragen können, als Schutzschild verwenden und sagen: Seht! Mit dem Atom wäre das nicht passiert! Mit Braunkohle hätten wir’s hell und warm – und wir wären doch nicht arm!
Ein schlechter Reim. Eine widerliche Vorstellung. Da kann ich weitaus besser mit einer quasi visuellen Strompreiserhöhung leben – in Form von Metallmasten mit Kabeln dran.

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