Neukölln reloaded

Der junge Mann an der Kasse spricht in sein Handy: russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch… Aldawasgehtbeidir?… Aha!… russisch-russisch-russisch-russisch-russisch-russisch…

Mit der Bahn In die Ferne? Ohne Kinder: Gerne!

„Guten Tag, Bahnhotline, gerade hat der Bahnserver eine Onlinebuchung abgebrochen. Beim zweiten Versuch gab’s das Kleinkindabteil nicht mehr. Können Sie das wieder freischalten?“

„Im IC gibt’s meines Wissens keine Kleinkindabteile.“

„Doch, ich habe es gerade gebucht, die Buchung wurde nur nicht abgeschlossen.“ –
„Warten Sie, ich frage einmal nach… also ich habe gerade nachgefragt. Im IC gibt es keine Kleinkindabteile.“

„Das heißt, wenn ich online eines buche, dann muss ich davon ausgehen, dass ich trotzdem nicht in einem fahren kann?“

„Vielleicht ist das ein Fehler in der Onlinesoftware. Oder so ein neuer IC, die werden jetzt so langsam umgerüstet, haben Sie vielleicht schonmal in der Fernsehwerbung gesehen“

„Aber ich fahre seit vier Jahren in ICs mit Kleinkindabteilen!“

„Achso? Wissen Sie, ich bin noch nie IC gefahren.“

Schützenbruder Psychose.

Ich kann die Schützen bis hierhin hören. Das Zelt muss nur wenige Meter entfernt stehen. So höre ich Blasmusik, dumpfe Stimmen, die bütteske Zweizeiler ablesen, und das Publikum, das nach diesen zwei Zeilen klatscht.

Ich bin nicht dabei, aber zu feiern habe ich auch etwas: Dass ich mich heute mit gutem Gewissen meiner Paranoia hingegeben habe.
Ja, ich habe eine: Ich fürchte mich vor Elektrosmog. Trotz Kenntnis des wissenschaftlichen Forschungsstandes, nach dem WLAN-Strahlung für Menschen wahrscheinlich ungefährlich ist, trotz meines tiefen Selbstverständnisses als Pragmatiker und trotz meiner Liebe zu meinem (selbstverständlich strahlenden) Smartphone versuche ich WLAN-Strahlung zu vermeiden, wo ich nur kann. Gerade im Bezug auf meine Kinder bin ich da fast hysterisch, wobei ich verstehe, dass ich meiner Frau mit meiner Übervorsichtigkeit manchmal auf die Nerven gehe. Sie schaut gerade übrigens auf dem Ipad fern. Für mich unvorstellbar.

Heute jedenfalls habe ich 20 Meter Netzwerkkabel von meinem Arbeitszimmer im Dachgeschoss in den Flur im Stockwerk darunter verlegt, es teilweise in (nur wenig hübschere) Kabelkanäle verpackt und zuguterletzt in unserem Flur einen hässlichen Kabelsalat angerichtet. Der gehört zum Netzwerk-Router, der nun in die Kinder- und unser Schlafzimmer Kabel gebundenes Internet liefert.
Zugegeben: Schön ist das nicht, aber ich habe die Strahlung um ein paar Milliwatt verringert. Ein Pyrrhussieg? Mitnichten! Vielmehr ein Sieg des Bauchgefühls gegen den Verstand – und damit ein Sieg, auf den ich besonders stolz bin.